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đŸ€˜ Kolumne: Brötchen, Bier und Fernweh – Wenn die schwarze Horde zum Holy Ground pilgert

đŸ€˜ Kolumne: Brötchen, Bier und Fernweh – Wenn die schwarze Horde zum Holy Ground pilgert

đŸ€˜ Kaffee, Kutten und akutes Fernweh: Mein melancholischer Gruß an den Holy Ground 

Es ist ein sonniger Sonntagmorgen hier am Autobahnkreuz OberpfĂ€lzer Wald. Der Kaffee dampft im Pappbecher, und ich stehe an der RaststĂ€tte, um eigentlich nur gemĂŒtlich ein paar Sonntagsbrötchen zu besorgen und nebenbei im Kopf diese Kolumne zu skizzieren. Doch plötzlich liegt etwas Magisches in der Luft. Ein vertrautes, tiefes Grollen mischt sich unter das Rauschen der A93.

Da sind sie. Die Pilger. Die schwarze Horde.

Ich sitze auf meiner Bank, beiße in mein unschuldiges Croissant und spĂŒre einen massiven, fast schon schmerzhaften Stich tiefster Wehmut. Denn wĂ€hrend ich gleich wieder an meinen Schreibtisch zurĂŒckkehre, machen sich vor meinen Augen tausende Metalheads auf den Weg zum Mekka der harten Gitarren. Sie reisen gen Norden. Zum Holy Ground. Nach Wacken.

Die Anatomie des perfekten Wacken-Konvois

Man erkennt sie sofort. Da rollt der 15 Jahre alte Ford Mondeo Kombi auf den Parkplatz, der nicht etwa durch ein teures Sportfahrwerk tiefergelegt ist, sondern durch das astronomische Eigengewicht von 24 Paletten 5,0-Original-Dosenbier, acht Kisten Ravioli, Panzertape und einem undichten Pavillon aus dem Baumarkt.

Aus den Boxen dröhnt Iron Maiden in einer LautstÀrke, die das Brötchen in meiner Hand leicht vibrieren lÀsst. Aus den Fenstern ragen Arme, die schon jetzt, hunderte Kilometer vor dem Ziel, die weltbekannte Pommesgabel in den bayerischen Himmel recken. Aus Menschen, die 350 Tage im Jahr als liebenswerte Buchhalter oder ZahnÀrzte arbeiten, werden wieder echte Krieger. In verwaschenen Band-Shirts und Kutten, die vor lauter AufnÀhern von selbst stehen, und eine Vorfreude in den Augen, die so strahlt, dass man sie fast greifen kann.

Mein linker Gummistiefel und der Mythos der nassen Kuhwiese

Ich muss lĂ€cheln, denn ich war einst einer von ihnen. Ich kenne den Schmerz und die unglaubliche Herrlichkeit dieser Reise. Ich erinnere mich noch gut an das legendĂ€re Schlamm-Jahr 2015. Auf dem Weg zur HauptbĂŒhne saugte der berĂŒchtigte Wacken-Matsch meinen linken Gummistiefel mit einem satten Schmatzen unwiderruflich in die Tiefe. Er ruht dort vermutlich heute noch als archĂ€ologisches Artefakt. Die restlichen drei Tage verbrachte ich mit einer eleganten Fußbekleidung aus zwei MĂŒllsĂ€cken und einer halben Rolle Panzertape. Und wisst ihr was? Es war großartig.

Was fĂŒr Außenstehende aussieht wie ein kollektiver Ausflug in den hygienischen Ausnahmezustand, ist in Wahrheit das friedlichste und herzlichste Familientreffen dieses Planeten. 80.000 verrĂŒckte Seelen stellen sich den Elementen. Man schlĂ€ft nicht, man duscht (meistens) nicht, man ernĂ€hrt sich von Dosenfleisch und FlĂŒssigbrot – und man ist dabei so unfassbar glĂŒcklich wie sonst nirgends auf der Welt. Es ist eine brĂŒderliche und schwesterliche Umarmung im Moshpit. Wer hinfĂ€llt, wird sofort von fĂŒnf völlig Fremden wieder hochgezogen. Das ist das ungeschriebene Gesetz des Holy Ground.

Ein Jacky Cola auf Lemmy!

Und wenn wir ĂŒber den Holy Ground sprechen, dann mĂŒssen wir ĂŒber den Mann sprechen, der diesen Boden wie kein anderer geprĂ€gt hat. Kein Wacken ohne Gedanken an den Gottvater: Lemmy Kilmister.

Wenn Lemmy backstage am Spielautomaten stand, mit einem Glas Whiskey in der Hand, war die Welt in Ordnung. Er brauchte keine Lasershow und keine AllĂŒren. Er trat an dieses viel zu hoch eingestellte Mikrofon, legte den Kopf in den Nacken, und dann kam dieser eine, raue Satz, der uns alle fĂŒr immer geprĂ€gt hat:

"We are Motörhead. And we play rock 'n' roll."

Das war kein Spruch. Das war ein Versprechen. Lemmy war das fleischgewordene Wacken. Rau, laut, ehrlich, unkaputtbar und völlig frei von Kompromissen. Wenn die BĂ€sse heute ĂŒber den Acker wummern, dann schaut er von irgendwo da oben – wahrscheinlich mit einem Jacky Cola und einer Marlboro – grinsend auf uns herab.

Ein kleines EingestÀndnis in eigener Sache

Sitze ich also hier an der RaststĂ€tte und bin neidisch? Verdammt, ja! Ein kleines, lautes „WACKÖÖÖÖN!“ rutscht mir beim Anblick der beladenen Autos unweigerlich ĂŒber die Lippen. Ich wĂŒnsche jedem einzelnen von euch da draußen auf der A7 eine staufreie Anreise, kalte GetrĂ€nke und das Wochenende eures Lebens. Haltet die Hörner oben!

Bevor ich aber anfange, mein Wohnzimmer mit Ravioli-Dosen zu dekorieren, muss ich als Kolumnist von suzenna.com noch eine ehrliche Beichte ablegen. Wir haben unser Sortiment durchforstet. Wir haben das Lager auf den Kopf gestellt. Aber ich muss mich in aller Form entschuldigen: Wir haben aktuell absolut gar nichts im Angebot, das euer Wacken-Erlebnis bereichern könnte.

Unsere hauchdĂŒnnen, meisterhaft gefertigten KristallglĂ€ser? Die ĂŒberleben in der Wall of Death exakt drei Sekunden. Unsere edle, venezianische Keramik? Hervorragend fĂŒr feine Antipasti auf der Terrasse, aber völlig ungeeignet, um am Freitagmorgen bei Nieselregen kalte Bohnen mit Speck ĂŒber dem Gaskocher darin aufzuwĂ€rmen.

Es tut uns unendlich leid. Aber wisst ihr was? Wir arbeiten dran! Bis wir das erste bruchsichere, nietenbesetzte Keramik-Bierfass fĂŒr den gepflegten Moshpit entwickelt haben, wĂŒnschen wir euch das geilste Festival der Welt. Trinkt das Dosenbier fĂŒr uns mit und haltet die Hörner oben!

In diesem Sinne: Rain, Shine and Cheers! đŸ€˜Â 

lets rock, euer daheim gelassener ML

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