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Massaker, Metzger & Manschgerl: Warum die Wiesn das schwarze Loch der Zivilisation ist

Massaker, Metzger & Manschgerl: Warum die Wiesn das schwarze Loch der Zivilisation ist

Mission: Maßkrug-Massaker – Meine bevorstehende Apokalypse auf der Wiesn

Meine Chefin hat eine Vision. Und wie alle Visionen im modernen Management bedeutet das für mich vor allem eines: körperliche und seelische Schmerzen. „Fahr nächsten Monat nach München aufs Oktoberfest“, sagte sie diese Woche freudestrahlend. „Misch dich unters Volk, mach einfach mit und schreib alles auf! Studiere die kulinarischen Gepflogenheiten unserer europäischen Nachbarn direkt an der Basis. Das Team von suzenna.com wird aus deinen Notizen dann eine tiefgreifende Analyse erstellen, damit wir unsere Kunden noch besser verstehen und bedienen können!“

Europa. Kulinarik. Kundenanalyse. Auf der Wiesn.

Ich habe sie angestarrt, als hätte sie mir gerade aufgetragen, die feingeistige Poesie eines Presslufthammers zu analysieren. Wir haben Ende August. Der europäische Kultur-Triathlon liegt gerade erst hinter uns: Das kollektive Schlamm-Tauchen in Wacken, das elitäre, naserümpfende Dauer-Räuspern bei den Bayreuther Festspielen und das feuchtfröhliche Fischbrötchen-Koma der Kieler Woche. Und nun? Nun wartet der Endgegner. Das Oktoberfest ist das schwarze Loch der Zivilisation, in dem sich all diese Milieus vereinen, um unter dem Deckmantel der „Tradition“ den aufrechten Gang zu verlernen. Und ich soll mitten rein, um mitzumachen.

Mein Überlebensinstinkt funkt jetzt schon SOS, denn ich weiß auf die Minute genau, wie dieser Fiebertraum in drei Wochen ablaufen wird.

Das Münchner Perpetuum Mobile

Ich sehe mich schon im Zelt stehen. Eingequetscht zwischen einem schwitzenden Australier im Plastik-Seppelhut und einer ohrenbetäubenden Blaskapelle. Meine erste „kulturhistorische“ Beobachtung wird direkt am Souvenirstand stattfinden, wo ich Zeuge der höchsten Form der bayerischen Wertschöpfungskette werde.

Ich werde zusehen, wie eine Gruppe freudestrahlender japanischer Touristen für schlappe 25 Euro pro Stück „authentische“, leere Maßkrüge kauft. Sie werden drei Selfies machen und Richtung Ausgang marschieren. Doch dort wartet der Türsteher – ein Mann, dessen Halsumfang in etwa dem Äquator entspricht. Mit der sanften Autorität eines Abrissbaggers wird er den völlig verwirrten Touristen die Krüge wieder entreißen. „Keine Krüge verlassen das Zelt!“ Die Japaner werden sich entschuldigen, und ich werde staunend beobachten, wie der Türsteher die Krüge an den Kellner zurückgibt, damit sie fünf Minuten später wieder für 25 Euro auf dem Tresen stehen. Ich werde in mein nasses Notizbuch kritzeln: „Kundenverhalten: Kauft Produkte, die wir behalten. Suzenna-Team, bitte prüfen, ob das für Schneidebretter adaptierbar ist.“

Schwerkraft und andere Gerüchte

Zweites Studienobjekt: Die Tischkultur. Ein Konzept, das hier völlig neu definiert wird. Tische sind im Zelt nämlich keine Möbelstücke zur Nahrungsaufnahme, sondern rudimentäre Tanzflächen für Menschen, die seit zwölf Stunden nichts Festes mehr zu sich genommen haben. Ich werde zusehen müssen, wie der Versuch, ein halbes Hendl zu sezieren, dadurch sabotiert wird, dass der komplette Tisch im Takt von "Layla" bebt, weil drei Generationen einer Zahnarztpraxis aus Paderborn beschlossen haben, darauf zu schunkeln.

Und dann sind da die fliegenden Krüge. Irgendwann ab 18 Uhr setzt im Bierzelt die Schwerkraft aus. Maßkrüge werden nicht mehr weitergereicht, sie werden geworfen, geschoben und gerammt. Ich werde lernen müssen, dass das rhythmische Platschen eines Liters Bier auf meinem Rücken nicht als Aggression, sondern als rustikaler Gruß zu werten ist. Ebenso wie der archaische Brauch, dass weiblichen Gästen im Vorbeigehen derart beherzt auf den Hintern geklatscht wird, dass der Knall selbst das Schlagzeug der Blaskapelle übertönt. Das ist hier kein MeToo-Fall, das nennt sich "bayrisches Kompliment".

Das Gesetz des Heiligen Trinkarms

Die absoluten Höhepunkte der sozialen Interaktion werde ich jedoch erleben, wenn ich versehentlich die ungeschriebenen Gesetze der Biomechanik missachte. Ich werde ahnungslos am Gang stehen und den rechten Ellbogen eines einheimischen Sitznachbarn streifen. Ein fataler Fehler.

Der Mann wird den Literkrug absetzen, mich mit einem Blick fixieren, der Gletscher schmelzen lässt, und mir die elementarste Regel des Freistaates erklären: Den Trinkarm fasst man nicht an. Wer den Bewegungsablauf zwischen Tischkante und Mundhöhle stört, begeht Hochverrat. Ich bin mir sicher, in Bayern steht darauf wahlweise der sofortige Entzug der Staatsbürgerschaft oder fünf Jahre Arbeitslager in einer Weißwurstmanufaktur. Ich werde hastig notieren: „Sicherheitsabstand zu biometrischen Hebelmechanismen einhalten. Lebensgefahr!“

Die Metzger-Invasion

Und wenn ich nach Stunden der Tortur endlich denke, ich hätte einen sicheren Platz an der Kante einer Bank gefunden, neben drei bemitleidenswerten Großstadt-Hipstern ( unter 100kg Manschgerl ) in 800-Euro-Lederhosen... dann wird sich der Himmel verdunkeln. Acht bayerische Metzger – Männer mit Unterarmen wie durchwachsene Schweinenacken – werden beschließen, dass dies nun ihr Tisch ist. Ohne ein Wort. Es ist schlichte physikalische Verdrängung. Wenn sich diese acht Kolosse setzen, werde ich den enormen atmosphärischen Druck am eigenen Leib spüren und wie Zahnpasta aus der Tube ans andere Ende der Bank gequetscht werden.

Der kulinarische Exitus

Während das Suzenna-Team in der Heimat auf Erkenntnisse über europäische Feinkost wartet, werde ich live miterleben, wie ein Tech-Bro versucht, seinen 32-Euro-Kaiserschmarrn per Retina-Scan zu bezahlen, nur um von Kellnerin „Resi“ mit einem nassen Lappen abgewatscht zu werden, weil beim Trinkgeld nur Bares Wahres ist.

Ich weiß schon jetzt: Wenn diese Forschungsmission abgeschlossen ist, wird mein System komplett herunterfahren. Ich werde den Zug nach Hause wie in Trance betreten und frühestens nach zwei Tagen in einem abgedunkelten Raum, angeschlossen an einen Elektrolyt-Tropf, wieder rudimentär handlungsfähig sein.

Fazit für die Geschäftsführung

Liebe Chefin, liebes Team, hier ist mein Vorab-Bericht: Der europäische Kulinarik-Gipfel ist ein Mythos. Wahre Esskultur und ehrliches Kundenverständnis findet man nicht in einem Zelt mit 10.000 schreienden Wahnsinnigen.

Wer wirklich kompromisslos kochen und genießen will, flüchtet in die eigene Küche und geht auf suzenna.com. Ein massives Stirnholz-Schneidebrett und ein rasiermesserscharfes Damastmesser. Das ist echte, haptische Perfektion. Die kostet keinen Eintritt, wird einem an der Tür nicht abgenommen und man braucht am nächsten Tag keinen Defibrillator, um sie zu verdauen.

Servus beianand, Hock di her da! ... bis nächste Woche, euer ML

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