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Die schwimmende Straßensperre: Warum wir unsere Seen vor den Stehpaddlern retten müssen

Die schwimmende Straßensperre: Warum wir unsere Seen vor den Stehpaddlern retten müssen

Kolumne: Die Gondolieri des Baggersees – Warum Stand-Up Paddling die traurigste Wassersportart der Menschheitsgeschichte ist

Es ist Sonntagmittag. Die Deadline für meine Wochenend-Kolumne röchelt bereits hörbar im Todeskampf, doch das Word-Dokument auf meinem Bildschirm ist noch immer so erschreckend leer wie der Parkplatz eines veganen Supermarkts nach Feierabend. Zu meinem großen Glück weilt meine geschätzte Chefin allerdings immer noch in den USA. Wie treue Leser meiner letzten Kolumne wissen, tourt sie dort ja gerade mit Starkoch Josef durch die kulinarischen Abgründe von Übersee. Dass die beiden da drüben mehr als beschäftigt sind und uns ein Ozean samt komfortablen sechs Stunden Zeitverschiebung trennt, verschafft mir ein wertvolles Fenster der redaktionellen Anarchie.

Also habe ich das Homeoffice kurzerhand an den örtlichen Baggersee verlegt. Ich sitze im rettenden Halbschatten, halte ein eiskaltes, perlendes Bier in der Hand und warte stoisch darauf, dass mir die rettende Inspiration für diesen verdammten Text buchstäblich vor die Füße fällt. Und was soll ich sagen? Der Gott des Zynismus liefert pünktlich. Genau beim zweiten Schluck Bier stampft das Thema meiner Kolumne schnaufend an mir vorbei in Richtung Ufer.

Ende Juni, 34 Grad im Schatten, der Asphalt flimmert. Der instinktive Fluchtreflex des Mitteleuropäers treibt ihn ans Wasser. Man ersehnt eine kühlende Brise, ein erfrischendes Bad und vielleicht den majestätischen Anblick eines vorüberziehenden Schwans. Doch was man stattdessen erblickt, ist eine hochgradig deprimierende Plastik-Armada. Der deutsche Baggersee wurde feindlich übernommen – von der sektenartigen Spezies der Stand-Up Paddler.

Gefühlt jeder Haushalt zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen besitzt inzwischen eines dieser drei Meter langen, grell neonfarbenen PVC-Bügelbretter aus dem Discounter-Aktions-Regal. Was einst als hawaiianische Königssportart begann, ist heute das maritime Äquivalent zum Nordic Walking: Die maximale optische Demütigung bei minimaler Fortbewegung.

Das Vorspiel: Wiederbelebung eines Gummibootes

Die Tragikomödie beginnt bereits am Ufer. Bevor der moderne Freizeit-Poseidon überhaupt in See stechen kann, muss das Hightech-Gefährt mit Luft gefüllt werden. Betrachten wir Kai-Uwe (46, Key-Account-Manager, trägt stolz ein hautenges, langärmliges UV-Schutz-Shirt). Er steht in der prallen Mittagssonne und bedient eine manuelle Doppelhubpumpe, als würde er versuchen, ein ausgewachsenes Nilpferd zu reanimieren.

Bei 12 PSI Druck (oder wie der Laie sagt: kurz vor dem Platzen) färbt sich Kai-Uwes Kopf in einem bedrohlichen Magenta-Ton. Der Schweiß strömt in seine verspiegelte Sportsonnenbrille, während seine Lunge um Gnade winselt. Er hat bereits 2.000 Kalorien verbrannt und einen leichten Bandscheibenvorfall erlitten, bevor seine Füße auch nur einen Tropfen Wasser berührt haben. Das nennt man dann wohl „Entschleunigung“.

Der Ritt: Ein betrunkener Flamingo auf Valium

Nach der erfolgreichen Schock-Therapie an Land wird das 15-Kilo-Board würdevoll in die von Entengrütze durchzogene Uferzone geschoben. Nun folgt der Aufstieg. Im Katalog sah das alles so elegant aus. Dort glitt eine gebräunte Schönheit über kristallklares Wasser. Kai-Uwe hingegen krabbelt auf allen Vieren auf das wackelige Brett wie ein verängstigter Golden Retriever auf Glatteis.

Als er endlich steht, spannt er jeden Muskel seines Körpers an, doch seine Rumpfstabilität gleicht der eines nassen Schwamms. Mit zitternden Knien und starr vor Angst umklammert er das Alu-Paddel, als wäre es sein Lebensbaum. Er wähnt sich auf den gigantischen Wellen von Maui, sieht in der Realität aber aus wie ein betrunkener Flamingo, der verzweifelt versucht, auf einem schwimmenden Teppich das Gleichgewicht zu halten. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit? Exakt die einer abdriftenden Luftmatratze.

Die schwimmende Straßensperre

Das eigentlich Verwerfliche an dieser Epidemie ist jedoch die rücksichtslose territoriale Expansion. Kai-Uwe und seine SUP-Jünger paddeln nämlich nicht etwa raus auf die Mitte des Sees, wo Platz wäre. Nein, sie ziehen es vor, exakt in jener Uferzone zu patrouillieren, in der normale Menschen einfach nur schwimmen wollen.

Wie gigantische, neonfarbene Straßensperren blockieren sie das Wasser. Schwimmer müssen panisch abtauchen, um nicht von Kai-Uwes unkoordinierten Paddelschlägen skalpiert zu werden. Er blickt derweil majestätisch von seinem schwimmenden PVC-Thron herab, unfähig, auch nur das kleinste Ausweichmanöver einzuleiten, ohne sofort das Gleichgewicht zu verlieren.

Der unvermeidliche Untergang

Doch die Physik lässt sich nicht betrügen, und Gerechtigkeit auf dem Wasser existiert. Es braucht keinen Tsunami, um diesen Hochmut zu Fall zu bringen. Die winzige Bugwelle eines vorbeifahrenden Tretboots reicht völlig aus. Oder ein planschendes fünfjähriges Kind mit Schwimmflügeln.

Ein leichtes Schaukeln erfasst das Board. Kai-Uwes Arme rudern panisch in der Luft, das Gesicht verzieht sich zu einer Fratze der Todesangst – und dann folgt der unweigerliche, höchst unelegante Platscher. Der Key-Account-Manager verschwindet in einer Fontäne aus Brackwasser und Schlamm, während sein herrenloses Board im Schilf davontreibt.

Ich nehme einen weiteren Schluck von meinem Bier, klappe den Laptop auf und fange an zu tippen. Wer aufrecht über das Wasser wandeln will, sollte entweder der Sohn Gottes sein – oder einfach wie ich am Ufer bleiben. Die Kolumne schreibt sich heute von selbst. Schachmatt, Discounter-Surfer.

... sportlich bleiben, bis nächste Woche euer ML

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